Klaus Eder im Gespräch

15.01.2018

SWU – Mehr als Strom und Straßenbahn


Urbane Lebensräume gewinnen an Attraktivität, sie bieten gut erreichbare Arbeitsplätze, Handel und Gewerbe, Kultur und Gastronomie. Wachsende Städte bedeuten jedoch auch wachsenden Verkehr. Staufreie Straßen, ausreichend Parkplätze, eine nutzerorientierte, nachhaltige Mobilität, und eine gute Erreichbarkeit sind daher bloße Theorie, überfüllte Straßen während der Hauptverkehrszeiten, fehlende Parkmöglichkeiten und genervte Autofahrerinnen und Autofahrer sind dagegen Realität – auch in Ulm.

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Zwischen Theorie und Praxis die SWU, die Stadtwerke Ulm, die nicht nur Strom und Dienstleistungen für eine zukunftsfähige Infrastruktur, sondern vor allem Mobilität anbieten. Mobilitätskonzepte für eine lebenswerte, funktionsfähige und nachhaltige Stadtentwicklung gibt es einige, doch wie sieht die Zukunft der Mobilität in Ulm aus? TOP Magazin Redakteurin Sigrid Balke sprach darüber mit Klaus Eder, seit 2015 Geschäftsführer der SWU.


TOP: Der Ausbau der Straßenbahnlinie 2 ist derzeit einer der Hauptverursacher von Baustellen und Staus. Mit der offiziellen Inbetriebnahme am 9. Dezember 2018 dürfte sich die Situation deutlich entspannen, aber eine weitere Straßenbahnlinie löst nicht die Mobilitätsansprüche der Zukunft. Welche Konzepte hat die SWU in der Schublade?


Klaus Eder (lacht): Gar keine. Wir sind ein Unternehmen, das jährlich 37 Mio. Fahrgäste transportiert. Die Straßenbahnlinie 2 wird einen großen Teil der Fahrgäste übernehmen, die bis dahin mit Bussen unterwegs waren. Wir planen die Mobilität nicht mit langfristig angelegten Konzepten für Schubladen, sondern in kleinen und umsetzbaren Schritten. Die Entwicklung ist so schnell, dass wir versuchen, möglichst aktuell zu reagieren. Wer hätte sich beispielsweise vor wenigen Jahren vorstellen können, was mit heutigen Smartphones möglich ist? Wir ziehen an vielen Strippen und fügen sie spontan zusammen. Was machbar ist, wird gemacht!


TOP: Bei Planungszeiträumen von Jahrzehnten, wie beim Bau der Straßenbahn erscheint das nicht realistisch.


Klaus Eder: Selbstverständlich beschäftigen wir uns mit zukunftsorientierten und bedarfsgerechten Mobilitätskonzepten, aber das ist nicht viel mehr als eine permanente Prüfung, wohin es gehen könnte. Die Mobilität wird sich weg vom ÖPNV parallelen Individualverkehr hin zu bedarfsgerechten Angeboten entwickeln, die beides miteinander verbinden. Das wird die Kombination verschiedener Ansätze sein: moderner, emissionsarmer ÖPNV, Shared Economy, Verknüpfung der Daten mittels Glasfaserinfrastruktur, Mobilitätsdrehscheibe HBF Ulm usw., mit dem wir bereits teilweise begonnen haben. Dem Ausbau eines intelligenten Stromladenetzes für E-Autos zum Beispiel. Es geht nicht mehr um die alten Grabenkämpfe Auto versus Bus oder Bahn, sondern um eine ganz neue Mobilitätskultur. Diese Aufgabe fordert alle Beteiligten heraus und das Geschäftsmodell der SWU verändert sich. Wir sind schon jetzt die Drehscheibe für Daten, Mobilität und Kommunikation in der Region.


TOP: Was heißt das konkret beispielsweise beim Thema Car Sharing?


Klaus Eder: In diesem Fall geht es darum, die verschiedenen Sharing Modelle mit dem Umland zu vernetzen. Es macht wenig Sinn, wenn der Nutzer das Auto z.B. nur bis zur Stadtgrenze fahren kann.


TOP: Als Stromanbieter ist die SWU prädestiniert, den notwendigen „Sprit“ für E-Autos bereit zu stellen.


Klaus Eder: Für uns sind die künftigen E-Fahrzeuge nicht primär Stromkunden, sondern Komponenten eines intelligenten Netzmanagements. Unser Interesse besteht darin, die verfügbaren Speicherkapazitäten optimal für die Ausbalancierung des Stromnetzes einzusetzen. Der Strom muss auch dann zur Verfügung stehen, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. Dies ist eine Herausforderung für alle Beteiligten. Realistisch ist das bedarfsorientierte Speichern und Einspeisen vor allem bei Flotten, weil ein vorausschauendes Lastenmanagement wesentlich einfacher und verbindlicher zu gewährleisten ist als bei einer privaten Nutzung. Noch sinnvoller erscheinen uns jedoch so genannte Quartiersspeicher, die den dezentral erzeugten Strom eines gesamten Stadtviertels speichern und bei Bedarf abgeben können. Der Charme der Projekte liegt in der Kooperation mit der Stadtentwicklung.


TOP: Sind die Trambahnen im Ulmer Stadtverkehr für die Zukunft ausgerüstet?


Klaus Eder: Wenn Sie damit autonomes Fahren meinen, noch nicht. Das Sicherheitsbedürfnis der Fahrgäste ist zu hoch. Aber sie sind in der Lage, beim Bergabfahren Strom einzuspeisen, der beim Bergauffahren abgerufen werden kann. Busse und Bahnen ermöglichen einen effizienten Transport und werden ein wesentlicher Teil der Mobilität der Zukunft bleiben.


TOP: Wie kommt der Fahrgast weiter, der an der Endhaltestelle Kuhberg aussteigen wird, und beispielsweise nach Schnürpflingen fahren will?


Klaus Eder: Park and Ride wird zukünftig als Schnittstelle zwischen dem Stadtverkehr und dem öffentlichen Nahverkehr auf dem Land noch bedeutender. Wir müssen verschiedene Verkehrsträger untereinander verknüpfen. Daher werden wir am Kuhberg, aber auch an den anderen Endhaltestellen, entsprechende Parkplätze schaffen, an denen E-Autos aufgeladen werden können. Über App-basierte und per Smartphone buchbare Anbindungen an Busse und übergreifende Carsharing-Angebote werden wir den städtischen Verkehr mit den umliegenden Regionen vernetzen. Alle diese Dinge werden sich entwickeln und von uns aktiv begleitet.


Klaus Eder (geb. 1975) ist verheiratet und hat drei Kinder. Nach seiner Ausbildung zum Energie-Elektroniker bei der Robert Bosch GmbH studierte Klaus Eder Elektrotechnik an der FH Amberg-Weiden. Bei der Mannheimer MVV Energie GmbH hatte er diverse Führungspositionen und absolvierte parallel ein Masterstudium an der Steinbeishochschule in Berlin, bevor er 2008 zu dem heutigen Stadtwerk am See in Überlingen/Friedrichshafen wechselte. Seit 2015 ist Klaus Eder Geschäftsführer der Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm. In seiner Freizeit stehen die Familie und das gemeinsame Kochen an oberster Stelle. Wenn dann noch Zeit bleibt, geht der gebürtige Allgäuer zum Bergsteigen und im Winter zum Skifahren.


 


Foto: Sigrid Balke