Die Zeit des Protests

21.06.2018

Sonderausstellung „1968“ im Biberacher Museum


So viel vorweg: selten erlebt man eine Ausstellung wie die am 12. Mai eröffnete und noch bis zum 14. Oktober andauernde Sonderausstellung „1968“ im Biberacher Museum. Der Besucher erfährt sehr viel über die damalige Zeit in der oberschwäbischen Provinz. Nicht nur in Berlin, München oder Frankfurt am Main formierte sich 1968 und 1969 Widerstand gegen das Establishment und die herrschende Politik.

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Eine Handvoll Kritischer und Mutiger gründete damals in Biberach eine Gruppe der APO, der außerparlamentarischen Opposition. In Biberach begann die Zeit des Protests, wenn auch nur durch eine Handvoll junger Menschen. Rund 400 Besucher waren zur Eröffnung der Ausstellung gekommen und schon da beeindruckt von ihrer besonderen Zusammenstellung.


Darunter waren auch einige Protagonisten wie Martin Heilig oder der damalige Biberacher Oberbürgermeister Claus-Wilhelm Hoffmann. Hoffmann verstand sich als Schlichter und Mittler zwischen der APO und der Polizei. Besonders deutlich wurde dies bei einer Kundgebung des damaligen Bundeskanzlers Kurt-Georg Kiesinger auf dem Biberacher Marktplatz. Die APO-Mitglieder versuchten die Rede des Regierungschefs zu stören, der gerade seine Notstandsgesetze zu rechtfertigen suchte. Irgendwann war es Kiesiger zu bunt und er ließ die Polizei eingreifen, unterstützt vom Biberacher Bürgertum. Museumschef Frank Brunecker schilderte diese Szenerie aus dem April 1968 so anschaulich, dass man fast das Gefühl bekam, selbst dabei gewesen zu sein.


Und ebenso wirkt auch die Ausstellung selbst. Durch Bilder, Filme und andere Dokumente wird der Besucher quasi in die damalige Zeit hineinversetzt. Dabei helfen viele technische Hilfsmittel der Multimedia-Ausstellung. Auch Kleidung aus dieser Zeit verdeutlicht das Lebensgefühl einiger Jugendlicher, das dann in den 1970er-Jahren in der Flower-Power Generation mündete. Neben diesen Film- und Tondokumenten basieren die Ausstellung und das Begleitbuch auch auf Aussagen von Zeitzeugen. „Die mussten aber wissenschaftlich belegbar sein, so dass wir sie mindestens zweimal gegengecheckt haben“, erläutere Brunecker.


Biberachs Baubürgermeister Christian Kuhlmann, der die Ausstellung offiziell eröffnete und damals zehn Jahre alt war, sagte, dass durch diese Ereignisse 1968 auch in Biberach mehr Toleranz und Offenheit einkehrte. Der Muff der 1950er und frühen 1960er Jahre wurde so langsam auch in Oberschwaben überwunden. „Es war eine positive Grundstimmung in Richtung Zukunft.“ Genau diese positive Grundstimmung sei aber in der jüngeren Vergangenheit verloren gegangen - trotz enormen Wohlstands.


Angst sei ein schlechter Ratgeber, aber Zukunftsangst sei angesichts der weltpolitischen Lage 2018 ein immer stärker werdendes Phänomen, so Kuhlmann. „Ich hoffe, die Ausstellung rüttelt uns wach, die Zukunft wieder aktiv zu gestalten“, so der Biberacher Baubürgermeister. „Dazu braucht es keine Revolution, aber viel Mut.“ Das Beispiel der späten 60er-Jahre, deren Geschichte in Biberach eindrucksvoll dokumentiert ist, könne diesen Mut machen. Zu diesem Gefühl trug auch der Auftritt von Michael Moravek bei. Der Gitarrist und Sänger interpretierte Songs von Bob Dylan oder Otis Redding so, dass der damalige Zeitgeist in die Seelen der Zuhörer zu schwappen schien. mm


Fotos: Michael Mader

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