VR-Bank Forum mit Benedikt Böhm

07.08.2019

Er eilt ohne Atemgeräte durch die „Todeszone“ auf 8000 Meter Höhe, um von dort so schnell wie möglich auf Skiern wieder abzufahren, bevor der Sauerstoffmangel ihn umbringt: Extrembergsteigen nennt sich der Sport, dem sich Benedikt Böhm mit Haut und Haaren verschrieben hat.

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Nach der Begrüßung der Gäste durch Dr. Wolfgang Seel, Vorstandsvorsitzender der VR-Bank Neu-Ulm, berichtete Benedikt Böhm beim diesjährigen Mitglieder- und Kundenforum der VR-Bank Neu-Ulm in der Weißenhorner Fuggerhalle von seiner Leidenschaft als Extrembergsteiger, die er im Laufe der Jahre auch zu seinem Beruf gemacht hat. Inzwischen ist er Geschäftsführer des Skitourenausrüsters Dynafit.


Ungewöhnlich unterstützende Eltern habe er gehabt, erzählte Benedikt Böhm: „Ich war das fünfte von sechs Kindern. Wenn ich auf einen Baum geklettert war und vom höchsten erreichbaren Punkt aus herunterrief: Guckt mal, Mama und Papa, was ich geschafft habe! – dann kam nicht das übliche ,Komm sofort runter!‘, sondern: ,Schön, aber probier doch mal, ob du nicht auch den nächsthöheren Ast erreichst.‘“


Diesem Prinzip ist der junge Mann seitdem treu geblieben: Richtig interessant wird es für ihn erst oberhalb des Limits, auch beim Bergsteigen – einem Sport, den er sich selbst ausgesucht hat, wie er betonte: „Meine Eltern waren weder Bergsteiger noch Skifahrer.“


Den Skilanglauf, den er zuerst für sich entdeckte, betrieb er schon mit elf Jahren als Leistungssport. Seinen Wehrdienst leistete er im Skizug der Gebirgsjäger in Mittenwald und Murnau und holte mit ihnen bei den Internationalen Militär-Skimeisterschaften in Österreich im Januar 1998 den ersten Rang.


Beim Skitourenrennen „Patrouille des Glaciers“ in der Schweiz erreichte sein Team 2008 und 2010 jeweils den zweiten Platz. „Dieses Rennen gibt es seit 1943, und es ist berüchtigt, denn einige der Seilschaften kamen niemals an“, erklärte Böhm den gebannt lauschenden Zuhörern. Lebenswichtig seien deshalb vorausschauende Planung und die richtige Lauftechnik.


„Sie wären erstaunt, wenn Sie mich am Berg sähen: Diese lahme Ente will ein Speedbergsteiger sein?“ Doch gerade das sei das Erfolgsrezept, betonte Böhm. Hektik und Losrennen würden nur zu vorzeitiger Erschöpfung führen. Die wichtigste Frage bei der Vorbereitung sei: „Wie vereinfache ich die Dinge so, dass ich in einen Flow-Zustand kommen und ein konstantes Tempo laufen kann?“ Alles sei so vorbereitet, dass keiner aus dem Team jemals stehen bleiben müsse, nicht einmal zum Essen oder Trinken – und dass jeder für sich selbst sorgen könne: „Ich will oben keine Verantwortung für andere haben. Man hat dort nicht die Kraft, um einen anderen runterzubringen. Wenn ich oben teamfähig sein will, brauche ich ein hohes Maß an Eigenverantwortung und Selbstdisziplin – und ein kleines Ego“, fügte er hinzu: „Nach und nach haben wir alle unser Potenzgehabe abgelegt. Es gibt am Berg nicht ,den‘ Leader. In der Vorbereitung schon noch, aber am Berg führt immer der, der gerade vorausgeht. Wir sind ja ein diverses Team und können die Stärken der einzelnen so kombinieren, dass wir Aufgaben schaffen, die keiner von uns allein geschafft hätte.“
So bewältigte sein Team zum Beispiel die „Sieben-Tage-Sieben-Länder-Sieben-Gipfel“-Tour. An sieben aufeinanderfolgenden Tagen bestiegen sie den Triglav in Slowenien (2.864 m), den Großglockner in Österreich (3.798 m), die Zugspitze in Deutschland (2.962 m), den Grand Combin in den Walliser Alpen (4.314 m), den Gran Paradiso in Italien (4.061 m) und den Mont Blanc in Frankreich/Italien (4.810 m); nur an der Dufour-Spitze in der Schweiz (4.634 m) am fünften Tag mussten sie aufgeben, bevor sie den Gipfel erreicht hatten.


Als nächste Herausforderung habe er sich den höchsten Gipfel Perus ausgesucht, den Huascarán mit 6768 Höhenmetern. „Das war die harmloseste, aber für mich schlimmste Tour, weil ich einfach nicht wusste, wie’s geht“, gestand Benedikt Böhm.


„Wir haben alles falsch gemacht: Viel zu schnell in die Höhe, viel alleine, Puls zu hoch, zu schnell gegangen, zu wenig getrunken. Als wir dann nachts im Zelt lagen, konnte ich nicht schlafen, weil mein Puls viel zu hoch war. Irgendetwas gluckerte die ganze Zeit – bis wir kapierten, dass das Bastis Atem war: Er hatte Wasser in der Lunge, ein Ödem! Da mussten wir mitten in der Nacht absteigen und ihn ins Krankenhaus bringen. Waren Sie schon mal in einem Krankenhaus in der peruanischen Provinz?“ fragte er eher rhetorisch ins Publikum hinein. Nun, der Basti wurde trotzdem wieder gesund, aber Benedikt Böhm selbst war am Boden zerstört: „Ich fragte mich die ganze Zeit: Warum mache ich so einen Scheißdreck? Ich wurde richtig krank, mein 8000-er-Traum war gestorben: Ich bleib in den
Alpen.“ Doch nach einigen Monaten habe er sich der Thematik wieder genähert: „Was haben wir falsch gemacht, und wie können wir es besser machen?“ Schließlich, so sein Credo, „lernen wir 80 Prozent nur durch Erfahrung.“


Als nächstes nahm er mit seinen Bergkameraden den Gasherbrum II in Angriff, den 8.034 Meter hohen Hauptgipfel der Gasherbrum-Gruppe in Pakistan.  Nach gründlichster Vorbereitung in Theorie und Praxis mit 400.000 Höhenmeter Training und gründlicher Akklimatisierung im Land begann die Gruppe um 18 Uhr abends den Aufstieg, mit 18 Kilogramm Gesamtgepäck (Skier und Essen, alles mitgerechnet). „Ich sagte mir selbst wie ein Mantra vor: Es gibt keinen Grund umzudrehen. Dessen musste ich mich immer wieder vergewissern. Nach zwölfeinhalb Stunden standen wir oben – wussten aber auch: Dies ist erst der Anfang. Denn jetzt mussten wir auf den Skiern wieder runter. Da geht es streckenweise fast senkrecht runter – ein Fehltritt bedeutet dort nicht einen Sturz, sondern den Absturz.“ Fünf Stunden später hatten sie es geschafft – völlig erschöpft und um sechs Kilogramm (Körper)-Gewicht leichter. „Ich weiß noch, wie ich dachte: Wenn ich jetzt einschlafe, wache ich nicht mehr auf – und dann prompt eingeschlafen bin; ich bin aber auch wieder aufgewacht.“


„Zurückzukommen war immer das Schönste“, stellte Benedikt Böhm fest. „Du freust dich über das erste Yak, das dir begegnet, über die erste Wurstsemmel, sogar über den ersten Stau; denn du freust dich einfach, dass du noch lebst.“


Warum er überhaupt immer wieder sein Leben riskiere, obwohl er inzwischen drei Kinder hat, wurde er nach seinem Vortrag gefragt. „Ganz beantworten kann ich das nicht“, räumte er ein. „Ich wünschte manchmal, ich könnte es abstellen, aber ich kann nicht aufhören.“ Vielleicht stelle sich die Frage für ihn anders: „Wir sind geboren mit verschiedenen Talenten. Werfe ich meines weg, lasse ich es verkümmern, um ein braver Familienvater zu sein?“ Mit seiner Frau sei das besprochen, sie seien sich einig, und er habe natürlich eine Lebensversicherung abgeschlossen.


Wenn er etwas aus seinen Erfahrungen gelernt habe, dann dieses: „Die 24 Stunden, die wir täglich miteinander haben, bestmöglich zu nutzen. Denn wir wissen nicht, wie lange es noch geht.“     alg



Fotos: Ulli Schlieper

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