Filmfestspiele Biberach

10.02.2020

Ein sehr gelungenes erstes Mal


Der Stabwechsel in der Intendanz von Adrian Kutter zu Helga Reichert ist geglückt. Die 41. Biberacher Filmfestspiele wurden erneut über sechs Tage zum Mekka des deutschen Films.

Bild zur Neuigkeit

Helga Reichert (45) hat Ihre Feuertaufe als neue Intendantin der Biberacher Filmfestspiele bestanden. Die Ehefrau ihres Vorgängers und Festivalgründers Adrian Kutter hatte unter anderem vier Kinder- und Jugendfilme in das Programm als Neuerung aufgenommen. „Dies wird es auch in leicht modifizierter Form im nächsten Jahr geben“, kündigte Helga Reichert an. Zudem engagierte sie die Schauspielerin und Kabarettistin Kathi Wolf als Co-Moderatorin für die Filmvorstellungen. „Ich bin sehr zufrieden mit den 41. Biberacher Filmfestspielen, die ja meine ersten in dieser verantwortungsvollen Position waren.“


Durfte die Schauspielerin und zweifache Mutter auch sein. Ihre Filmauswahl kam beim Publikum gut an und die verstärkt weibliche Note tat ihr Übriges. Aus 65 Filmen hatten sich die rund 15.000 Besucher – ein paar Hundert weniger als im Jubiläumsjahr 2018 – ihre persönlichen Wunschstreifen ausgesucht. So mancher erlebte während der sechs Festivaltage einen regelrechten Filmmarathon aus rein deutschsprachigen Filmen. Neben Ludwigshafen im August, und Hof ein paar Wochen vor Biberach, ist die Stadt an der Riß nach wie vor der Standort, der ausschließlich diesen Filmen eine Chance gibt – honoriert vom Publikum. Der Traumpalast platzte nahezu jeden Abend aus den Nähten, als sich die Menschen von Kinosaal zu Kinosaal schlängelten oder sich einfach mit einem Getränk zum Gespräch einfanden. „Genau das ist es, was Biberach in Deutschland nahezu einmalig macht“, sagte Regisseur Benjamin Kramme, stellvertretend für seine filmschaffenden Kollegen. „Man mischt sich auch nach dem Filmgespräch noch unters Publikum und diskutiert weiter.“


Kramme hatte für seinen 13-minütigen Kurzfilm „Alternativen“ einen Biber bekommen. Der Film zeigt nach einem familiären Vorgeplänkel im Garten der Oma auf, wie die Gesellschaft sich offensichtlich und tatsächlich gespalten hat. Die Enkelin, Tochter einer Frau aus der Hippie-Generation, engagiert sich bei der AfD. Krasser geht es kaum.


Aber auch der Siegerfilm, der in diesem Jahr den Goldenen Biber gewann, hatte eine politische Aussage. Im Juni 1990, kurz nach dem Mauerfall, spielt diese Romeo und Julia-Geschichte in Berlin – angereichert mit Enteignungsfragen nach der Wende. Regisseur, Buchautor und Cutter Florian Aigner hatte diesen Film mit vergleichsweise geringem Budget mit der 20-jährigen Emilie Neumeister in der Hauptrolle inszeniert und dabei genau den Geschmack der Jury, aber auch des Publikums getroffen. Neben 30 ausgewählten Kinos bundesweit wird der Streifen „Im Niemandsland“ zur Belohnung auch noch einige Wochen im Biberacher Traumpalast laufen. Aigner hatte sich dies bei der Preisverleihung gewünscht.


Den eigentlichen Publikumspreis gewann aber mit „Mein Ende. Dein Anfang“ ein äußerst sehenswerter Film von Mariko Minoguchi, der insbesondere durch Sprache und sehr differenzierte Erzählebenen überzeugte. Zu den längsten Publikumsdiskussionen kam es bei den zwei Aufführungen von „Weil du mir gehörst“ mit Julia Koschitz und Felix Klare in den Hauptrollen. In dem Fernsehfilm, der vom SWR redaktionell begleitet wurde und der im ersten Quartal nächsten Jahres ausgestrahlt werden soll, geht es um das Thema PAS (Parental Alienation Syndrom). Die Mutter eines 7-jährigen Kindes projiziert ihre Wut, Eifersucht und Rachegelüste gegenüber ihrem Ex-Mann auf die Tochter und versucht sie so zu manipulieren, dass sie ihn schließlich auch ablehnt. Ein Thema von höchster Relevanz und Aktualität, was durch zahlreiche Äußerungen nach dem Film massiv zum Ausdruck kam – insbesondere von betroffenen Vätern.


Noch tabuisierter ist das Thema Pädophilie, mit dem sich der Debutspielfilm „Kopfplatzen“ von Savas Ceviz sehr feinfühlig auseinandersetzte und dafür einen Biber erhielt. Einen Ehrenbiber gab es neben den insgesamt neun Kategorien in diesem Jahr nicht. Vor Jahresfrist hatte Adrian Kutter noch seinen alten Freund Werner Herzog damit gewürdigt.


Das diesjährige Festival verzichtete auf große Begleitmusik und stellte nach dem Jubiläum im vergangenen Jahr wieder das Cineastische in den Vordergrund. Mit Walter Sittler, Leslie Malton und eben Julia Koschitz waren auch nur wenige der ersten deutschen Schauspielergarde in Biberach zu Gast.


Kutter selbst bekam von Biberachs Oberbürgermeister Norbert Zeidler die Ehrenbürgerschaft angeboten und nahm sie auch an. Eine verdiente Auszeichnung und Ehre für den mittlerweile 76-jährigen Biberacher Filmpapstes, der sich während der Festivaltage merklich zurückhielt und seiner Frau mit einem Lächeln das Feld überließ.  mm


Fotos: Markus Falk, Linda Leinecker, Georg Kliebhan

Bild zur NeuigkeitBild zur NeuigkeitBild zur Neuigkeit