Landrat Thorsten Freudenberger

07.04.2020

„Klimaschutz ist meine Leidenschaft“


Mit seinen 515 Quadratkilometern gehört der Landkreis Neu-Ulm zu den eher kleinen Landkreisen. Gemessen an der Einwohnerzahl von 174.000 Menschen belegt er allerdings Platz neun der insgesamt 71 bayrischen Landkreise. Allein in den vergangenen sechs Jahren ist die Einwohnerzahl um etwa 5.000 gestiegen. Basis hierfür ist der wirtschaftliche Erfolg in der Region. Auch die schöne Landschaft und die gute Verkehrsinfrastruktur machen den Landkreis zu einem attraktiven Wohnort und Lebensraum. 

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TOP Magazin Verleger Hermann Genth sprach mit Thorsten Freudenberger, seit 2014 Landrat des Landkreises Neu-Ulm, über die Aufgaben des Landratsamts, die Anforderungen an eine moderne, bürgernahe Verwaltung und den Beitrag des Landkreises zum Klima-, Arten- und Naturschutz.        


TOP: Herr Freudenberger, was sind die wichtigsten Aufgaben des Landratsamts?
LR Freudenberger: Die meisten Bürgerinnen und Bürger kennen das Landratsamt von der An- bzw. Abmeldung von Kraftfahrzeugen. Doch das ist nur ein ganz kleiner Teil der Aufgaben dieser Behörde. Das Landratsamt hat eine doppelte Funktion. Zum einen erfüllt es staatliche Aufgaben. Hierzu gehören zum Beispiel die Rechtsaufsicht über die kreiseigenen Kommunen, der Gesundheits- und Veterinärdienst und natürlich die Kfz-Zulassungsstelle. Andererseits ist das Landratsamt eine Behörde des Landkreises. In dieser Funktion übernimmt es soziale Aufgaben im Landkreis Neu-Ulm, kümmert sich um die Bildung an weiterführenden Schulen, um Krankenhäuser, um Maßnahmen zur Abfallvermeidung bzw. -verwertung und um zahlreiche weitere Aufgaben. Das Themenspektrum ist also insgesamt sehr breit. Generell ist es uns wichtig, die Dynamik in der Region zu fördern, aber zugleich deren Identität zu bewahren.    


TOP: Worin bestehen für Sie aktuell die Schwerpunkte?  
LR Freudenberger: Wir beschäftigen uns schwerpunktmäßig mit zwei großen Zukunftsthemen. Das eine trägt die Überschrift „Jung und Alt“. Hierzu gehört unser Bestreben, den jungen Leuten beste Chancen und Perspektiven zu bieten, u.a. durch ein umfangreiches Angebot an weiterführenden Schulen. Aufgrund des demographischen Wandels rückt der ältere Teil der Bevölkerung immer stärker in den Fokus. Hier setzen wir uns für ein erweitertes Angebot in den Bereichen medizinische Versorgung und Pflege ein. Zugegeben, der Kosten- und Personaldruck in den Krankenhäusern bereitet auch uns Sorgen, aber wir sind auf einem guten Weg. 
Das zweite große Thema ist der Klima- und Naturschutz. Ein Bereich, der mir schon immer sehr am Herzen lag. Im Alter von 17 Jahren habe ich am Illertal-Gymnasium in Vöhringen die AG Umwelt mitbegründet. Ich bin quasi ein Kind der Ökobewegung der 80er Jahre. Dieses ausgeprägte Umweltbewusstsein hat sich bis heute fortgesetzt. Stets getreu dem Motto: Global denken – lokal handeln. Das Ziel ist es dabei, im eigenen Verantwortungsbereich die richtigen Antworten auf die Herausforderungen zu entwickeln.
So gibt es im Landkreis Neu-Ulm bereits seit 2012 ein Klimaschutzkonzept. Seit 2014 haben wir einen Klimaschutzmanager, seit 2019 zusätzlich eine Mobilitätsmanagerin. Denn Klimaschutz ist eng verzahnt mit der Mobilität der Menschen. 


TOP: Welche konkreten Maßnahmen wurden bislang umgesetzt oder zumindest begonnen?
LR Freudenberger: Das bislang größte Klimaschutzprojekt in der Geschichte des Landkreises ist das Fernwärmenetz in Weißenhorn, das die Wärme der Müllverbrennungsanlage nutzt. Die Zahl der Anschlüsse ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen, auf mittlerweile 120 Gebäude. Seit der Inbetriebnahme im Jahr 2017 konnte dadurch die CO2-Emission von über 1,65 Mio. Litern Heizöl eingespart werden.
Ein weiteres Projekt ist das Programm „Blühende Landschaften“, dessen Ziel es ist, Blühwiesen und Blühstreifen auszuweiten. Außerdem wurde in Unterroth zusammen mit der Grundschule Buch der Startschuss für 8.000 neu zu pflanzende Bäume in einem Klimawald gegeben - unser Ziel sind 100.000 neue Bäume im gesamten Landkreis innerhalb der kommenden zehn Jahre.
Zusammen mit dem Alb-Donau-Kreis und der Stadt Ulm ist der Landkreis Neu-Ulm vor kurzem als Wasserstoffregion Donau-Iller ausgezeichnet worden. In dieser Technologie sehe ich sehr viel Zukunftspotential.
Generell leben wir von unseren Ideen und nicht von Bedenken. Jede große Erfindung hat eine Vorgeschichte mit oft vielen Irrwegen. Wir sollten uns daher bei Neuerungen nicht gegenseitig blockieren, sondern müssen ein Land bleiben, das Herausforderungen mit Mut und Optimismus angeht.


TOP: Leistet das Landratsamt als Behörde auch einen eigenen Beitrag?
LR Freudenberger: Ja, auch das Landratsamt engagiert sich aktiv für den Klimaschutz. Mein Ziel ist eine klimaneutrale Verwaltung. Hierfür sind Änderungen beim Energieverbrauch, beim Fuhrpark etc. erforderlich. Zum Beispiel haben wir bereits ein Elektro-Lastenrad und ein Elektro-Auto angeschafft, was beides rege genutzt wird. Und auch in der Kantine ist eine Änderung des Speisenangebots geplant – hier soll z. B. verstärkt auf regionale Produkte geachtet werden.
Damit sind wir beim Thema Ernährung. Dass die Landwirtschaft immer wieder einseitig zum Sündenbock gemacht wird, halte ich für problematisch. Im Landkreis haben wir einen Erweiterten Naturschutzbeirat gebildet, in dem Landwirte, Naturschützer, Jäger, Imker und weitere Akteure vertreten sind, um gemeinsame Lösungen zu finden. Gemeinsam geht es besser!


TOP: Das Mobilitätsbedürfnis der Menschen ist in den vergangenen Jahrzehnten stetig gewachsen. Erwarten Sie hier aufgrund der Klimadiskussion eine Trendwende?
LR Freudenberger: Die Menschen haben ein hohes Mobilitätsbedürfnis. Hauptursachen sind veränderte Anforderungen im beruflichen Umfeld und natürlich ein verändertes Freizeitverhalten. Um den Ansprüchen möglichst umweltverträglich gerecht zu werden, wird in der Region ein S-Bahn System mit ½-Stunden-Taktung aufgebaut. Ebenso setzen wir uns für den weiteren Ausbau der Busnetze ein. Der Ausbau der Illertalbahn kommt. Wo Engpässe bestanden und es eine große Stauanfälligkeit gab, wird das Straßennetz erweitert. Der ÖPNV muss günstiger werden und wir müssen neue Mobilitätskonzepte diskutieren. Dazu gehören alle Formen in die Prüfung, von der Straßenbahn über eine Seilbahn bis hin zu fahrerlosen Systemen.


TOP: Einmal pro Jahr machen Sie eine Radtour mit den Bürgerinnen und Bürgern Ihres Landkreises. Welchen Stellenwert hat das Fahrrad für Sie als Fortbewegungsmittel?   
LR Freudenberger: Ich bin ein leidenschaftlicher Radfahrer, benutze das Fahrrad auch für dienstliche Termine in der näheren Umgebung und setze mich daher für den Ausbau des Radwegenetzes ein. Dazu gehört auch der Bau von Radschnellwegen. So gesehen passt mein persönliches Hobby ideal zu meinen politischen Zielen.


TOP: Vielen Dank für das interessante Gespräch und viel Erfolg für die Umsetzung der geplanten Projekte im Landkreis. 


Foto: Landratsamt Neu-Ulm