Ulrike Freund

05.07.2021

Seit 30 Jahren an der Spitze von Gold Ochsen


Die Bierbranche ist seit jeher männerdominiert, aber es gibt auch Beispiele für äußerst erfolgreiche Frauen im Brauereiwesen. Eine davon ist Ulrike Freund, die seit 30 Jahren die Geschicke der Ulmer Traditionsbrauerei leitet und sich höchsten Respekt ihrer männlichen Kollegen sowie als Unternehmerin auch außerhalb der Brauereibranche verdient hat. 

Bild zur Neuigkeit

1991 bekam Ulrike Freund die Leitung der Brauerei, die seit 1867 im Familienbesitz ist, von ihrem Vater August Leibinger III. übertragen. Dem Strukturwandel in der Branche, ausgelöst durch den kontinuierlich sinkenden Bierkonsum, konnte sie erfolgreich entgegensteuern. Dabei hatten die handwerkliche Braukunst und die hervorragende Qualität der Produkte für sie stets einen hohen Stellenwert. Das zeigt sich an den vielen Auszeichnungen, die Produkte von Gold Ochsen und des Tochterunternehmens Ulmer Getränkevertrieb erhalten haben. Darunter Silber- und Goldmedaillen im international renommierten World  Beer Cup sowie der „Libella Quality Award“. 


Neben ihrer Tätigkeit als Brauerei-Geschäftsführerin ist Ulrike Freund auch in vielen Bereichen ehrenamtlich tätig, so zum Beispiel als Mitglied der IHK Vollversammlung, im Verwaltungsbeirat der Universität Hohenheim, im Beirat Süd der SV Sparkassenversicherung und im Wahlausschuss, Beirat und der Vertreterversammlung der Volksbank Ulm-Biberach. Für soziale Belange engagiert sie sich seit vielen Jahren im Lions Club Ulm/Neu-Ulm/Alb-Donau, zu dessen Gründungsmitgliedern sie gehört.     


2007 erhielt Ulrike Freund die Wirtschaftsmedaille des Landes Baden-Württemberg und seit 2018 ist sie Trägerin des baden-württembergischen Landesverdienstordens, den ihr Ministerpräsident Kretschmann für nachhaltige Unternehmensführung feierlich überreicht hat. 2019 hat der Marketing Club Ulm/Neu-Ulm sie als Marketingpersönlichkeit des Jahres ausgezeichnet.  


Im Interview berichtet Ulrike Freund, was sie mit der Brauerei verbindet, worauf es ihr im Geschäftsalltag ankommt und welche Ereignisse aus den letzten drei Jahrzehnten ihr besonders in Erinnerung geblieben sind.


Frau Freund, am 13. Mai 1991 wurden Sie im Alter von 36 Jahren von Ihrem Vater zur Geschäftsführerin der Brauerei Gold Ochsen ernannt. Diese leiten Sie bis heute erfolgreich in fünfter Familiengeneration. Kann man sagen, dass Ihnen die Liebe dazu in die Wiege gelegt wurde?
Ulrike Freund: Natürlich hat die Brauerei, deren Ursprünge bis ins Jahr 1597 zurückreichen,  schon immer das Leben meiner Familie bestimmt. Sie war der ganze Stolz meines Vaters, der sie selbst 1940 vom Großvater übernommen hatte und ihr nach harten Kriegsjahren und   großer Zerstörung durch die Bombenangriffe im Dezember 1944 zu neuem Glanz verhalf.
Insofern war die Kindheit von mir und meinen drei Geschwistern klar davon geprägt. Allerdings hatte ich mir meine eigene berufliche Laufbahn ursprünglich mal ganz anders vorgestellt. Nach einer in Ulm absolvierten Ausbildung zur Bankkauffrau und dem Einstieg ins Arbeitsleben zog es mich 1978 für sieben Jahre nach München, wo ich ebenfalls für verschiedene Banken tätig war und parallel dazu ein Abendstudium an der Verwaltungs- und  Wirtschaftsakademie abschloss. Meine Rückkehr nach Ulm war dann eher ein Ergebnis der Umstände.


Inwiefern?
Ulrike Freund: Zum einen spielte meine persönliche Situation eine Rolle. Während ich in München meine berufliche Laufbahn im Bankwesen verfolgte, gründeten viele meiner Jugendfreundinnen eine Familie. Da kommt man automatisch an den Punkt sich zu fragen, wie es mit einem selbst weitergehen soll. Zudem wünschte sich mein Vater meine Rückkehr  nach Ulm. Er eröffnete mir eine Position im Unternehmen, die ich schließlich annahm. Am 1. Januar 1985 stieg ich in die Brauerei ein und erfüllte zunächst die Aufgabe der Revision, 1988 erhielt ich Prokura. Meine drei Geschwister waren bereits früher in die Brauerei „eingestiegen“, wollten sich aber später anderweitig selbstverwirklichen, was in Familienunternehmen nicht ungewöhnlich sein soll…


Welche Bedeutung hatte es für Sie, als Sie Ihr Vater nach sechs Jahren Bewährungsprobe 1991 als alleinige Geschäftsführerin einsetzte?
Ulrike Freund: Die Frage lässt sich nicht so leicht beantworten. Klar machte es mich stolz. Schließlich war dies nicht zuletzt der Beweis dafür, dass ich meinen Vater mit meiner Leistung in den Jahren zuvor überzeugen konnte und sein Vertrauen genoss. Denn seit meinem Einstieg hatten sich die wirtschaftlichen Zahlen der Brauerei erkennbar zum Besseren gewandelt.
Aber mit dieser Nachfolgeregelung gingen auch enorme Herausforderungen einher. Dass ich den Zuschlag erhielt, beeinflusste natürlich die Beziehung zwischen mir und meinen Geschwistern – obwohl sie das Unternehmen kurz zuvor auf eigenen Wunsch verlassen hatten. Die Aufgabe, die vorher auf mehrere Schultern verteilt war, lastete nun komplett auf mir. Ich war ab diesem Zeitpunkt sowohl für die Verwaltung als auch den technischen Bereich verantwortlich. Das kam durchaus einem Sprung ins kalte Wasser gleich, zumal ich auf diese Situation nicht von Anfang an vorbereitet wurde. In viele Themen, zu denen ich vorher kaum Berührung hatte, musste ich mich intensiv und im Eilverfahren einarbeiten. Mein Vater war zu diesem Zeitpunkt bereits 83 Jahre alt und obwohl er bis zu seinem Tod 1998 als Hauptgeschäftsführer agierte, war ich nach dem 13. Mai 1991 in vielen operativen Entscheidungen auf mich allein gestellt.


Was hat Ihnen in dieser Situation Kraft gegeben?
Ulrike Freund: Am Anfang war es schon schwer, das gebe ich ehrlich zu. Angesichts dieser  Mammutaufgabe und Vorgeschichte stellte sich für mich durchaus auch mal die Frage: Schaffe ich das alles? Zum Glück bin ich von Geburt an mit einer gehörigen Portion Tatendrang gesegnet, die mir seit jeher zugutekommt. Geholfen hat nicht zuletzt, mir immer    wieder ins Gedächtnis zu rufen, warum ich jeden Tag zur Arbeit gehe.


Und warum?
Ulrike Freund: Mein Schreibtisch steht nicht in ‚irgendeiner‘ Firma, sondern in einem Unternehmen, das zu den ältesten meiner Heimatstadt Ulm zählt, seit 1867 in den Händen meiner Familie liegt und sich seit 400 Jahren einem Kulturgut verschrieben hat – denn nichts anderes ist Bier. Darüber hinaus geht es um Arbeitsplätze. Die gesellschaftsrelevante Verantwortung und traditionelle Verpflichtungen machen bis heute meine Motivation aus. Aber auch der persönliche Ehrgeiz spielt eine Rolle. Jeder Erfolg und jede Anerkennung, die  ich im Laufe der Zeit mit meinem Handeln – sowohl im Unternehmen selbst als auch von externer Seite – gewinnen konnte, ist gleichzeitig ein hart erkämpftes Stück Selbstbestätigung.


Wofür engagieren Sie sich in der Brauerei?
Ulrike Freund: Qualität und Nachhaltigkeit. Dies gilt vor allem bei den Produkten und Leistungen von Gold Ochsen. Die Herstellung in unserem Haus erfüllt höchste Standards. Hierfür kombinieren wir die handwerkliche Kunst des Bierbrauens mit ausgesuchten, regionalen Rohstoffen und modernster Technik. Das geht nicht ohne entsprechende Investitionen. Ein Großteil unseres Gewinns wird in die laufende Modernisierung gesteckt, das war schon bei meinem Vater so. Erst in diesem Jahr haben wir eine neue Abfüllanlage für Fässer in Betrieb genommen, trotz massiver Umsatzeinbußen durch Corona. Aber ich glaube, dass es nichts bringt, solche Themen schleifen zu lassen – eher im Gegenteil. Dazu muss ich allerdings sagen, dass die Brauerei trotz allem wirtschaftlich nach wie vor gut dasteht. Natürlich habe ich die Finanzen stets im Hinterkopf, die Unabhängigkeit von Banken  war mir stets sehr wichtig.


Denken Sie, dass Ihnen Ihre Ausbildung bei der Bank in dem Zusammenhang geholfen hat?
Ulrike Freund: Für mich zählt es, Entscheidungen mit Weitblick zu treffen und dabei das Zusammenwirken unterschiedlichster Faktoren zu beachten. Das Zahlenspiel der Buchhaltung ist das eine, hier konnte ich sicher von meinen Erfahrungen im Bankwesen profitieren. Aber nur damit funktioniert es eben nicht. Man muss gleichzeitig die dahinterstehenden Prozesse kennen. Mein Umfeld weiß, dass ich in allen Abteilungen der Brauerei mitmische. Egal ob Technik, Außendienst oder Marketing: Ich scheue mich nicht davor, selbst das kleinste Detail zu durchdringen bzw. zu hinterfragen und bringe mich dabei persönlich ein. Denn nur so kann man Dinge vorantreiben und möglicherweise erkannte Missstände konsequent angehen. Mein Motto „Machen statt reden, ohne dabei Zeit zu verlieren“, gilt auf jeder Ebene. Man sagt mir in dem Zusammenhang auch eine gewisse Hartnäckigkeit nach.


Stichwort Kultur: Ihr Engagement für kulturelle wie soziale Einrichtungen und Vereine jeder  Art ist weit über die Grenzen der Region bekannt und wurde 2018 sogar mit dem Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg geehrt, nachdem Ihnen bereits 2007 die Wirtschaftsmedaille verliehen worden war. Wo setzen Sie hier Schwerpunkte?
Ulrike Freund: Es ist für mich eine Selbstverständlichkeit, der Gesellschaft – und damit unseren Kunden – etwas zurückzugeben. Lebensqualität und ein vielfältiges kulturelles Angebot sowie soziales Fundament stehen in unmittelbarem Zusammenhang und müssen bewahrt werden. Auch hier halte ich es mit dem Motto „Machen statt Reden“. Insofern blutet  mir gerade das Herz, wenn ich sehe, wie viel Schaden Corona hier anrichtet.


Neben den gesellschaftlichen Folgen haben Sie eben bereits die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie angesprochen: Wie sieht die Lage der Brauerei genau aus? 
Ulrike Freund: Die Einschnitte durch den Wegfall der Gastronomie und des Veranstaltungsgeschäfts sind immens – gerade bei den alkoholfreien Getränken. Beim Bier können die Verluste durch den Absatz von Flaschenware über den Handel noch einigermaßen ausgeglichen werden. Da trifft es andere Brauereien, die stärker als wir von der Gastronomie abhängig sind, weitaus härter. Nichtsdestotrotz: Hinter uns liegt ein furchtbares Jahr. Und auch wenn wir hoffentlich mit einem blauen Auge davonkommen, sprechen wir sicher von der wirtschaftlich schwersten Zeit, die ich persönlich mit der Brauerei erlebt habe.


Gab es in den letzten 30 Jahren weitere, besonders herausfordernde Phasen?
Ulrike Freund: Letztendlich ist kein Tag gleich, ein gewisses Auf und Ab gehört zum Tagesgeschäft. Zwei Ereignisse der Vergangenheit waren jedoch ähnlich dramatisch: Das ist zum einen der durch Schweißarbeiten auf dem Brauereigelände ausgelöste Großbrand im Jahr 2003, bei dem vier Gärtanks vollständig zerstört wurden. Der Sachschaden allein belief sich damals auf über eine Million Euro. Noch größer war der Schock 2013, als uns PepsiCo – wie allen anderen Abfüllungspartnern – nach fast 50-jähriger, guter Zusammenarbeit die Konzession aufgekündigt hat. Das war ein harter Schlag.


Können Sie solchen Krisen auch was Positives abgewinnen?
Ulrike Freund: Auf jeden Fall. Die beiden Beispiele zeigen, dass es vor allem darauf ankommt, nicht den Kopf in den Sand zu stecken. Auswege aus brenzligen Situationen gibt es, auch wenn es dafür manchmal eben eine große Portion Initiative, Ausdauer und Zusammenhalt braucht. So habe ich mich direkt nach der PepsiCo-Kündigung daran gemacht, Alternativen auszuloten und bin dafür über Wochen durch ganz Deutschland gereist. Selbst große Player unter den ehemaligen PepsiCo-Konzessionären sind dann schließlich meinen Weg zu afri-cola mitgegangen, die entsprechenden Verträge zwischen afri und allen neuen Partnern wurden hier bei uns in Ulm unterzeichnet. Natürlich haben wir Federn gelassen, schließlich mussten wir mit viel finanziellem Aufwand die Prozesse umstellen und beispielsweise neue Kisten und Gebinde beschaffen. Aber von nichts kommt nichts. Die positive Einstellung, dass es immer irgendwie weiter geht, ist auch in der jetzigen Situation extrem wichtig.


Es wird deutlich, dass Sie viel Zeit und Kraft in Ihre Aufgabe stecken. Liegt darin ihr  Erfolgsgeheimnis?
Ulrike Freund: Bestimmt. Das liegt aber vor allem daran, dass es mir nach wie vor Spaß macht und mir die Möglichkeit gibt, mich selbst zu verwirklichen. Ich bin stolz auf die vielen Dinge, die ich bisher erreichen konnte. 


Bleibt bei einem solchen Pensum überhaupt noch Zeit für Privates?
Ulrike Freund: Wenig, das gebe ich offen zu. Wobei ich da gar nicht so sehr die Grenze ziehe. Ich lebe für die Firma, privat wie unternehmerisch. Umso dankbarer bin ich meinem Ehemann, der das alles mitträgt und mich seit jeher unterstützt und begleitet. Sollten wir tatsächlich Freizeit haben, verbringen wir diese vor allem mit Reisen. Auch Wandern und Skifahren gehört zu unseren Leidenschaften. Wobei auch bei den Hobbies nicht immer strikt  getrennt werden kann. So habe ich beispielsweise die Idee für das Gold Ochsen Jahrgangsbier 2019 – ein Porter – von unserem Neuseeland-Trip im Dezember 2018 mitgebracht.


Rückblickend: Wie bewerten Sie selbst die letzten 30 Jahre in der Position der Geschäftsführerin?
Ulrike Freund: So lange kommt es mir eigentlich gar nicht vor, wahrscheinlich aufgrund der vielen Abwechslung. Insgesamt glaube ich, dass ich mich gut geschlagen und die Interessen des Unternehmens stets konsequent vertreten habe. Aber auch persönlich habe ich aus dieser Zeit sehr viel mitgenommen. Ich bin mit der Aufgabe gewachsen und habe in all den Jahren viel erlebt und zahlreiche spannende Begegnungen gehabt. Mit einem besonderen Moment verbinde ich beispielsweise das 100-jährige Pepsi-Jubiläum, das auf Hawaii gefeiert  wurde und zu dem alle Konzessionäre eingeladen waren. Hier habe ich es mir nicht nehmen    lassen, den mittlerweile verstorbenen Altpräsidenten George Bush senior, der zu den Ehrengästen gehörte, anzusprechen, um ihm ein gemeinsames Foto abzuringen. Nach unserer kurzen Plauderei wusste er, dass in Ulm der höchste Kirchturm der Welt steht. Vielleicht zeichnet genau diese Situation ein ganz gutes Bild von meinem Selbstverständnis. Gerne trage ich die Liebe zu meiner Heimat im Allgemeinen und der Brauerei im Speziellen nach außen. Ebenso bin ich jederzeit bereit, die eigene Komfortzone zu verlassen und lasse nichts unversucht, um meine Ziele zu erreichen.


Zum Abschluss der Blick in die Zukunft: Wie geht es weiter?
Ulrike Freund: Es geht weiter, das ist sicher. Aufhören ist für mich derzeit keine Option. Es macht mir Spaß und gleichzeitig würde mir ohne die Arbeit viel zu viel fehlen. Wahrscheinlich ist es irgendwann wie bei meinem Vater, der sich nie wirklich zurückgezogen hat und bis zu seinem Tod mit 90 Jahren in der Brauerei war. Nichtsdestotrotz mache ich mir natürlich Gedanken und spiele derzeit unterschiedlichste Möglichkeiten durch. Dazu gehört wie bei jeder anderen Entscheidung die Betrachtung, wie sich der jeweilige Entschluss auf lange Sicht auswirkt. Das Wohl der Brauerei ist in dem Zusammenhang das allesentscheidende Kriterium.


Frau Freund, vielen Dank für das Gespräch und die weitreichenden Einblicke.


 


Fotos: Gold Ochsen, press’n’relations, Aurel Dörner, Hermann Genth 

Bild zur NeuigkeitBild zur NeuigkeitBild zur Neuigkeit