Rentschler Biopharma

01.07.2021

"Ein Zeichen guter Mitarbeiterführung? Wenn viel gelacht wird!"


Dr. Frank Mathias führt als CEO der Rentschler Biopharma SE weltweit etwa 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das Unternehmen hat seine Wurzelnin der von Gottlob Müller im Jahr 1872 in Laupheim gegründeten Apotheke, die er 1909 an seinen Schwiegersohn Erwin Rentschler übergab. Durch die Corona-Pandemie wurde das Unternehmen, das im nächsten Jahr sein 150-jähriges Jubiläum feiert, Teil der Produktionskette des begehrten Impfstoffs von BioNTech/Pfizer. In Zeiten, in denen es generell wenige persönliche Begegnungen und gemeinsames Lachen gibt, kann man im Gespräch mit dem TOP Magazin über Prozesse, Produkte und Philosophie von dem Franzosen einiges lernen – und mit ihm lachen.

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TOP: Herr Dr. Mathias, Ihr Haus ist vom Hersteller für Spezial-Präparate zum Massenfertiger für Corona-Impfstoffe geworden. Wie kam das?
Dr. Mathias: Als ich im Januar 2020 in Hongkong war und dort alle – bis auf die Europäer – mit Maske herumliefen, war mir klar: Hier ist was im Umbruch. Ein Umbruch ist die Pandemie ja tatsächlich, und zwar weltweit, für ganze Branchen und viele Menschen. So auch für den CEO von BioNTech, U?ur ?ahin, der zu diesem Zeitpunkt die geniale Idee hatte, seine für die Krebstherapie gedachte mRNA als Wirkstoff im Einsatz gegen COVID-19 zu testen. Diese erzielte in klinischen Studien nun herausragende Ergebnisse von über 90% Wirksamkeit. Sein Anruf hier bei uns, ob wir zur Aufreinigung der Proteine zur Verfügung stünden, stellte uns vor massive Herausforderungen: Produktionsräume, Equipment, Material und Fachkräfte eines so hochkomplexen Vorgangs... darauf war keiner vorbereitet! U?ur sagte so etwas wie „Egal, Ihr müsst!“ (lacht) Und wissen Sie was? Das war der Beginn einer neuen digitalen Handschlag-Qualität und Solidarität innerhalb der Branche. In Allianzen kann man einfach deutlich mehr erreichen!


TOP: Was hieß dieser Umbruch dann genau für Ihr Haus?
Dr. Mathias: Wie viele andere Firmen haben auch wir unsere Produktionspläne anpassen müssen. Wir haben die als Suiten bezeichneten Produktionsräume umgebaut, Apparate und Ausstattung angeschafft sowie mit Hochdruck unser bestehendes Team erweitert. Seitdem stemmen wir pro Produktionseinheit die Aufreinigung von über 7 Millionen Impfdosen.
Diese Massenproduktion ist total untypisch für Rentschler. Normalerweise arbeiten wir mit Produkten, bei denen aus einem Liter Flüssigkeit im Bioreaktor nur einige wenige Gramm Wirkstoff resultieren. Denn eigentlich bedienen wir einen Nischenmarkt. Unser Haus entwickelt und fertigt seit 1997 Biopharmazeutika für die Pharma- und Biotechnologieindustrie.
Dabei fokussieren wir uns auf schwerste und teilweise extrem seltene Erkrankungen. Es kann also sein, dass die entsprechenden Medikamente weltweit nur bei einigen hundert Patienten zum Einsatz kommen. Sie alle sind schwerkrank, viele leiden an Krebs- oder Immunkrankheiten. Wir machen hier High-Tech für ganz wenige, für die es nur ganz wenige Präparate in Kleinstdosen auf dem Markt gibt. Und sind damit gut ausgelastet!


TOP: Trotzdem sind Sie nun auch Teil der Lieferkette des Impfstoffs Comirnaty von BioNTech/Pfizer. Was geschieht außerhalb von Laupheim mit der mRNA?
Dr. Mathias: Die messenger-RNA wird in Mainz gefertigt. In speziellen Kunststoffbehältern kommt sie dann zur Aufreinigung und Konzentration zu uns nach Laupheim. Als nächstes geht es nach Wien, wo die mRNA in Lipide gepackt wird. Das sind kleine Fettpartikel, die die Stabilität der sehr sensiblen Nukleinsäure verbessern. Von dort aus geht es nach Belgien, um den fertigen Impfstoff in kleine Fläschchen abzufüllen. Dieser hochkomplexe Prozess bedingt absolute Sorgfalt, teilweise bei niedrigsten Temperaturen. Die Lagerung erfolgt zum Beispiel bei minus 80 Grad. Allein schon die Flaschen und Etiketten brauchen einen besonderen Standard, um diese Kälte  auszuhalten, und das ist jetzt nur eins von vielen Beispielen!


TOP: Und wie wirkt die mRNA?
Dr. Mathias: Man kann das ganz einfach erklären: Die mRNA gibt in der körpereigenen Zelle den Auftrag, die Kronen des Corona-Virus nachzumachen. Diese Proteine landen dann in der Blutbahn, wo sie das Immunsystem als Fremdkörper erkennt, die Kronen abbaut und sich die Form merkt. Durch diese gelernte, schnelle Abwehrreaktion hat das Virus in einem geimpften Körper nicht genügend Zeit, um sich auszubreiten.
Die Unterschiede zwischen den Impfstoffen von BioNTech und CureVac, für die wir nach erfolgter Zulassung ebenfalls produzieren werden, sind übrigens minimal. Beide kodieren die Kronen, wenn auch auf Grundlage verschiedener Formulierungen, weshalb bei CureVac eine Lagerung bei nur minus 20 Grad möglich ist.
Auch bei Krebserkrankungen muss der Körper mit mutierten Zellen klarkommen. Diese – könnte man sagen – verstecken sich, daher erkennt das Immunsystem sie nicht und die bösen Zellen vermehren sich ungehemmt. Aufgabe der mRNA ist es dann, im Zuge der therapeutischen Impfung dem Immunsystem Teile der Krebszellen zu zeigen. 


TOP: Wann ist damit zu rechnen, dass die Zulassung für den CureVac Impfstoff erteilt wird?
Dr. Mathias: Unsere Vorbereitungen laufen auf Hochtouren, zumal wir für CureVac noch weitere Abschnitte übernehmen: neben der Aufreinigung auch die vorhergehende mRNA-Produktion und die Formulierung für mehr als 100 Millionen Dosen. Dafür haben wir noch vor Marktzulassung, also auf eigenes Risiko, neue Fachkräfte eingestellt. Wir gehen derzeit von einer Zulassung zum Ende des zweiten Quartals aus.   


TOP: An Bushaltestellen und belebten Straßen in der Region finden sich seit einiger Zeit Plakate mit Ihrer Einladung „Schreibe deine Geschichte mit uns.“ Wie schwer ist die Suche nach potenten Kräften, wenn man mitten im BioPharma Cluster liegt?
Dr. Mathias: (lacht) Nicht einfach! Zumal wir uns gegenseitig keine Mitarbeitenden wegnehmen, das gebietet sich von selbst. Tatsächlich suchen wir mittlerweile europaweit. Und wir bemühen uns um Quereinsteiger aus anderen Industrien, die Verständnis für biologische oder chemische Prozesse mitbringen.
Punkten können wir ganz klar mit einer sehr guten Arbeitgebermarke, einer wertschätzenden Atmosphäre und dem Schwerpunkt auf Aus- und Weiterbildung. So haben wir uns schon vor der Pandemie für den Aufbau einer Rentschler-Akademie entschieden, um unsere Kräfte optimal zu fördern. Das gibt es on top zu attraktiven Konditionen über Betriebssport bis hin zur eigenen Kita.
Den Erfolg unserer Führungskräfte messen wir auch daran, wie wohl sich ihre Teams fühlen – wird in der Abteilung viel gelacht, hat man Freude und Spaß an der Arbeit? Das ist entscheidend für den Erfolg der ganzen Firma! Durch eine gute Fehlerkultur wollen wir gemeinsam wachsen und uns weiterentwickeln. Dafür gibt es im Haus seit einigen Jahren einen Bio-Simulator, in dem wir ähnlich wie Piloten in einem Flugsimulator potentielle Fehler simulieren, um aus ihnen zu lernen und Prozesse zu verbessern.
Mit Blick auf 150 Einstellungen allein im vergangenen Jahr haben wir schon den Eindruck, dass wir vieles richtig machen. Und der durch die Pandemie veränderte Blick auf Gesundheit hilft der ganzen Branche: Plötzlich sind Sinn und Nutzen, die wir stiften, viel sichtbarer. Und wir stehen erst am Anfang, denn in 20, 30 oder 40 Jahren werden wir uns wahrscheinlich nicht nur gegen Viren, sondern auch gegen Diabetes, Alzheimer und Herzinfarkt impfen lassen können. Das sind sehr gute Ziele für sehr viele Menschen, und das merken wir auch bei der Personalakquise!


TOP: Rentschler ist ein Familienunternehmen. Welche Haltungen und Werte sind Ihnen besonders wichtig?
Dr. Mathias: Wir denken langfristig und nachhaltig. Wenn in einer Aktiengesellschaft ein Quartal mal nicht so gut läuft, dann ist das eine Katastrophe, durch die Kurssturz und Übernahme-Spekulationen entstehen können. Bei uns nicht. Wir haben eineinhalb Jahre lang unsere „Strategie 2025“ erarbeitet, sind dafür um die Welt gereist, haben Megatrends analysiert, Kliniken und Wissenschaftler befragt und uns so ein Bild der Zukunft und unserer Rolle in ihr gemacht. Nun arbeiten wir bereits an der weiterführenden Strategie, in der übrigens erneut betriebswirtschaftliche Kennzahlen eine untergeordnete Rolle spielen werden. In diesem Strategie-Update ziehen wir – natürlich – auch Konsequenzen aus dieser Pandemie, die wir trotz eineinhalbjähriger Analyse nicht vorhergesehen haben... (lacht)  aber lernen können wir jetzt aus ihr, damit wir für die nächste besser vorbereitet sind.
Woran wir auch in der neuen Strategie festhalten ist, nur Dinge zu machen, die Nutzen stiften. Wir schreiben uns keine großen Sprüche auf die Fahnen, sondern leben Werte und Haltungen vor. Dazu gehört übrigens auch, dass wir uns der Verantwortung im Impfprozess bewusst waren und den Engpass nicht ausgenutzt, sondern mit den üblichen Margen produziert haben.
Bei aller Beständigkeit unserer Haltung und Werte haben wir übrigens nie ein Problem damit, unsere Richtung zu ändern, wenn sich die Situation oder Erkenntnisse ändern. Schon vor Corona hat sich dieses Haus immer wieder neu erfunden und ist vom Arzneimittelhersteller zum Entwickler und Lohnhersteller  von Biopharmazeutika für weltweit agierende Pharma- und Biotechunternehmen geworden. Ein riesiger Schritt. Es wird nicht der letzte gewesen sein (lacht)! 


TOP: Wir bedanken uns für das interessante und ausführliche Gespräch. 


Fotocredit: Rentschler Biopharma

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