Baumrückschnitt - so geht er richtig!

13.12.2021

Blütenpracht und Fruchterfolg im neuen Jahr


Obstbäume liegen im Trend. Sie sind schön anzusehen, leisten einen wichtigen Beitrag für die heimische Artenvielfalt und tragen zur Selbstversorgung mit gesunden Lebensmitteln bei. Doch sie brauchen Pflege. Es kommt vor allem auf den richtigen Rückschnitt an. Dieser sollte noch vor Frühjahrsbeginn getätigt werden. Markus Braun, Inhaber der Baumschule Braun in Ulm-Eggingen, erklärt uns im Interview, was Sie beachten müssen. Damit Ihnen nächstes Jahr viel Gutes blüht!

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TOP: Herr Braun, viele haben im Winterdas Thema Baumrückschnitt gar nicht auf dem Schirm. Wann sollte der Rückschnitt im Idealfall erfolgen?
Markus Braun: Der Februar ist ideal. Einerseits sollten die Bäume nicht bei frostigen Temperaturen geschnitten werden, damit keine Pilze an der Schnittwunde hereinbrechen können. Andererseits muss der Rückschnitt aus Vogelschutzgründen noch vor dem 1. März erfolgt sein. Am besten Sie schneiden die Bäume nicht gleich morgens um 8 Uhr, wenn die Grade meist noch unter dem Gefrierpunkt liegen, sondern warten bis 10 oder 11 Uhr, wenn es frostfrei ist.


TOP: Gibt es auch Sorten, die man zu einer anderen Jahreszeit schneiden sollte?
Markus Braun: Nussbäume wie Walnuss zum Beispiel. Hier sollte der Rückschnitt bereits im Sommer erfolgen. Sonst tritt relativ viel Flüssigkeit aus und die Wunde kann nicht richtig verheilen. Der Grund, warum viele die Walnuss trotzdem im Herbst oder Winter schneiden, liegt darin, dass es optisch gesehen einfacher ist, wenn die Äste blank daliegen. Solange der Baum im Sommer noch Blätter trägt, bedarf es eines guten Auges, um zur nächsten Saison die gewünschte Form zu erzielen. Ein Sommerschnitt ist bei den meisten Obstarten kein Fehler, da dadurch die fruchttragenden Triebe mehr Licht bekommen. Bessere und qualitativ höhere Fruchterträge sind die Folge.


TOP: Wieso müssen Obstbäume überhaupt zurückgeschnitten werden?
Markus Braun: Man kann sich die einfache Faustregel merken: Senkrecht treibt, waagrecht fruchtet es. Wenn Sie einen ertragreichen Baum haben möchten, sollten Sie auf einen lichten Schnitt achten, mit einer Kronenform, die über mehrere Etagen angelegt ist. Ansonsten wird die Baumkrone vor allem in der Mitte zu dunkel. Ohne Sonne beziehungsweise Licht kein Fruchtertrag… Das ist auch der Grund, warum senkrechte Triebe am schnellsten in die Höhe schießen, aber keine Früchte tragen. Die flacheren Äste zur Seite wachsen hingegen weniger, tragen aber Früchte.


TOP: Welche Punkte sollten beim Rückschnitt beachtet werden?
Markus Braun: Je lichter und in die Brei-te angelegter der Schnitt ist, desto besser wird der Ertrag sein. Das gilt für alle Obstbäume gleichermaßen. Dafür können Sie die aufstrebenden Äste entweder nach unten binden oder sie werden entsprechend abgeschnitten, so dass sich neue Triebe zur Seite bilden. Zur Mitte hin wachsende Äste werden weggeschnitten, die kleinen Blütenzweige stehengelassen. Hat der Baum bereits eine Grundform, ist zu beachten, dass die Astenden einer Etage auf derselben Höhe enden. Dazu sagen wir „Saftwaage“. Weitere Faustregel: Bei einem starken Rückschnitt kommt es zu einem starken Austrieb aus wenigen Knospen. Bei einem schwachen Rückschnitt zu einem schwachen Austrieb aus vielen Knospen.


TOP: Daneben gibt es zahlreiche Schnitttechniken. Welche eignet sich für was?
Markus Braun: Normalerweise werden Triebe nicht mittig abgeschnitten, denn dann würden sich unterhalb der Schnittstelle zu viele neue Triebe bilden. Deshalb werden die Triebe „ganz oder gar nicht“ abgeschnitten. Beim Schnitt auf Astring (dieser ist leicht schräg über dem Astansatz) habe ich die kleinste Wundfläche und somit ist die Wahrscheinlichkeit, dass Pilze in die Wunde eindringen können geringer. Wenn ich aber einen falsch gewachsenen Trieb entferne und an dieser Stelle einen Neuaustrieb will, schneide ich den Trieb auf einen kurzen Stummel zurück. Die daran befindlichen Knospen treiben dann wieder aus.


TOP: Zu welchen Gerätschaften raten Siebeim Schneiden?
Markus Braun: Aus praktischen Gründen oder mangels Kraft, greifen viele zur Amboss-Schere. Diese kann jedoch Quetschungen hervorrufen, was der Pflanze nicht guttut. Ich rate zu einer hochwertigen Bypass-Schere für einen sauberen Schnitt.


TOP: Welche Obstbäume eignen sich besonders gut für unsere Region?
Markus Braun: In der Ulmer Umgebung und auf der Schwäbischen Alb wachsen Apfel, Zwetschge und Birne eigentlich immer gut. Kirsche, besonders aber Aprikose und Pfirsiche gedeihen bei uns nur in sehr geschützten Lagen und natürlich in Weinbau-Regionen.


TOP: Was kann man den eigenen Obstbäumen über den Winter sonst noch Gutes tun?
Markus Braun: Frostrisse im Holz sind ebenfalls ein Problem. Sie sind bedingt durch Temperaturschwankungen. Um dem entgegenzuwirken, können Sie die Pflanzen am Stamm mit speziellem weißen Kalk oder Baumschutzfarbe anstreichen. Oder den Stamm mit Jute oder einer Schilfrohrmatte umwickeln. Auch Wildverbiss-Spiralen bewirken einen gewissen Temperaturausgleich. Wichtig ist außerdem, alle Neupflanzungen, die im Herbst getätigt wurden, gut zu wässern. Die meisten Pflanzen bei uns erfrieren nicht über den Winter, sie vertrocknen. Das Phänomen kann man im Kühlschrank beim weniger werdenden Eiswürfel beobachten oder wenn uns nach einem langen Winterspaziergang die Haut spannt, weil sie ausgetrocknet ist.


TOP: Zeichnen sich im Bereich Obstbäume Trends ab?
Markus Braun: Säulenbäume liegen voll im Trend. Sie haben den Vorteil, dass sie auf kleinstem Raum angepflanzt werden können und gute Erträge liefern. Man kann sie sogar in Töpfen auf dem Balkon halten. Pflegeleichte Apfel-Säulenbäume benötigen pro Jahr und Schnitt gerade mal 15 Minuten. Das kann jeder aufbringen. Einfach alles, was seitlich länger als 5 bis 10 cm heraustreibt abschneiden, fertig. Wer kann, sollte es aber mit einem normalen Obstbaum versuchen und sich an seiner schönen Krone erfreuen.


TOP: Die Freude am eigenen Obstbaum ist also keine Frage mehr von Platz und Raum?
Markus Braun: Genauso ist es! (lacht) Man kann viel machen, wenn man sich dafür die Zeit nimmt. Es ist ratsam, sich an eine Baumschule aus der Region zu wenden, die mit den örtlichen Begebenheiten vertraut ist. In der Weinbauregion um Stuttgart herrschen zum Beispiel völlig andere Voraussetzungen, was die Temperatur oder Bodenbeschaffenheit anbelangt. Der Klimawandel trägt seinen Teil dazu bei. Auch gibt es gewaltige Unterschiede zwischen Stadt und Landklima. Vor 30 Jahren hätte ich mir nicht träumen lassen, dass im Ulmer Stadtgebiet einmal Feigen wachsen!


TOP: Vielen Dank für das Gespräch und die damit verbundenen „fruchtbaren“ Erkenntnisse!


Fotos: Diana Wieser, Baumschule Braun

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